Gut verwurzelt

Damit die Stürme des Lebens Sie nicht umhauen

Stellen Sie sich einen großen, kräftigen Baum vor. Seine Wurzeln reichen tief in die Erde, sein Stamm ist stabil, seine Äste sind lebendig und geschmeidig. Kommt ein kräftiger Wind auf, bewegt er sich mit. Er biegt sich, gibt nach, richtet sich wieder auf. Selbst ein Sturm kann ihm nicht so leicht etwas anhaben.
Und nun stellen Sie sich einen Baum vor, dessen Wurzeln nur oberflächlich wachsen, dessen Stamm geschwächt und dessen Äste trocken und morsch sind. Schon der nächste stärkere Wind kann ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Vielleicht brechen Äste ab, vielleicht fällt er sogar ganz um.

Wie sieht es mit Ihren eigenen Wurzeln aus? Wie tief sind Sie verwurzelt? Was gibt Ihnen Halt, wenn es um Sie herum stürmisch wird? Wie gut können Sie sich den Veränderungen des Lebens anpassen, ohne dabei Ihre eigene Mitte zu verlieren?
Denn eines ist sicher: Die Stürme des Lebens können wir nicht verhindern. Aber wir können dafür sorgen, dass unser Fundament stark genug ist, um ihnen zu begegnen.

Frühlingserwachen in der TCM

Unsere Füße – die oft vergessenen Wurzeln

Was trägt uns eigentlich Tag für Tag? Ganz selbstverständlich ist es der Boden unter unseren Füßen. Mutter Erde, die uns trägt, ohne dass wir groß darüber nachdenken.

Und unsere unmittelbare Verbindung zu diesem Boden? Das sind unsere Füße.
Sie tragen uns durchs ganze Leben, gleichen Unebenheiten aus, halten uns im Gleichgewicht und ermöglichen uns, vorwärtszugehen, stehen zu bleiben oder die Richtung zu wechseln.
Doch Hand aufs Herz: Wie viel Aufmerksamkeit schenken Sie Ihren Füßen?
Wir stecken sie in Schuhe, verlangen ihnen täglich einiges ab und beschäftigen uns meist erst dann intensiver mit ihnen, wenn sie schmerzen. Dabei lohnt es sich, ihnen einmal ganz bewusst zuzuhören.

Stellen Sie sich doch jetzt einmal hin. Am besten barfuß.
Spüren Sie den Boden unter Ihren Füßen.

  • Stehen Sie gleichmäßig auf beiden Beinen oder verlagern Sie Ihr Gewicht bevorzugt auf eine Seite?
  • Wie verteilen Sie Ihr Gewicht zwischen Fersen, Ballen und Zehen?
  • Sind Ihre Füße entspannt und lebendig oder halten Sie sich regelrecht am Boden fest?
  • Sind Ihre Knie locker oder durchgedrückt?
  • Können Sie kleine Gewichtsverlagerungen zulassen, ohne gleich aus dem Gleichgewicht zu geraten?

Nehmen Sie einfach nur wahr. Ohne etwas verändern zu müssen. Ohne richtig oder falsch. Vielleicht entdecken Sie dabei schon etwas über sich selbst.

Verwurzelt stehen – aufgerichtet durchs Leben gehen

Ein stabiles Fundament bildet die Grundlage für eine natürliche, mühelose Aufrichtung. Wenn unsere Füße den Boden gut wahrnehmen, unsere Beine beweglich reagieren und unser Becken frei schwingen kann, muss unser Körper nicht ständig gegenhalten.
Aufrichtung entsteht dann weniger durch Anstrengung als durch ein harmonisches Zusammenspiel.
Vielleicht kennen Sie Menschen, die einen Raum betreten und sofort eine besondere Präsenz ausstrahlen. Sie müssen weder laut sein noch sich besonders groß machen. Sie stehen einfach da. Aufrecht, gelassen, ganz selbstverständlich. Sie wirken klar, beweglich und gleichzeitig unglaublich stabil. Als könnte sie so schnell nichts umhauen.
Solche Menschen erinnern mich an einen gut verwurzelten Baum. Denn wahre Stabilität bedeutet nicht, starr und unbeweglich zu sein. Sie bedeutet, beweglich bleiben zu können, ohne den eigenen Halt zu verlieren.
Und genau das gilt für unseren Körper ebenso wie für unser Leben.

Tiefe Wurzeln wachsen nicht über Nacht

Natürlich bestehen unsere Wurzeln nicht nur aus Füßen, Beinen und Becken. Auch unsere Lebenserfahrungen lassen sie wachsen.
Jede Herausforderung, die wir gemeistert haben. Jede Fähigkeit, die wir entwickelt haben. Jede Grenze, die wir gelernt haben zu setzen. Jeder Moment, in dem wir aufgestanden sind, obwohl wir zuvor vielleicht gefallen waren. All das kann unser inneres Wurzelwerk stärken.
Manche Erfahrungen erschüttern uns zunächst. Andere lassen uns über uns hinauswachsen. Und manchmal erkennen wir erst im Rückblick, wie viel Kraft wir auf unserem Weg bereits entwickelt haben.
Unsere Wurzeln sind also nichts Starres. Sie wachsen, verändern sich und brauchen Pflege. Wie ein Baum benötigen auch wir Nahrung, Aufmerksamkeit und Raum zur Entfaltung.

Und manchmal dürfen wir uns fragen:
Was nährt mich eigentlich? Was gibt mir Kraft? Was raubt mir Energie? Und wo halte ich vielleicht noch an etwas fest, das mich längst nicht mehr trägt?

Das Becken – wo Verwurzelung lebendig wird

Wenn wir von unserem Fundament sprechen, dürfen wir unser Becken nicht vergessen. Es verbindet unseren Oberkörper mit den Beinen, überträgt Kräfte und spielt eine wichtige Rolle für Gleichgewicht, Bewegung und Aufrichtung.
Doch wie frei ist Ihr Becken eigentlich? Können Sie Ihre Hüften locker bewegen? Kann Ihr Becken kreisen, schwingen und sich den Bewegungen Ihres Körpers anpassen? Oder halten Sie dort vielleicht unbewusst Spannung fest?

In vielen ganzheitlichen Traditionen wird das Becken auch mit unserer inneren Basis in Verbindung gebracht. In der Chakrenlehre befindet sich das Wurzelchakra am unteren Ende der Wirbelsäule. Es steht symbolisch für Urvertrauen, Sicherheit, Geborgenheit, Erdung, Zugehörigkeit und das Gefühl, einen festen Platz im Leben zu haben.

Für mich ist das ein schönes Bild:
Ich darf hier sein. Ich habe meinen Platz. Ich bin getragen. Und ich darf meinen eigenen Weg gehen.

Wenn wir unser Becken bewusst bewegen und vor allem unserem Atem erlauben, tief in den Bauchraum zu fließen, kann dadurch mehr Weite und Beweglichkeit im Becken entstehen. Die tiefe Bauchatmung unterstützt dabei, Spannungen loszulassen, den Beckenboden in seiner natürlichen Bewegung mitzunehmen und so unser Urvertrauen und das Gefühl von Sicherheit und Getragensein zu stärken.

Kleine Übungen für starke Wurzeln

Das Schöne ist: Wir können unser Fundament jeden Tag ein wenig stärken. Ohne großen Aufwand, ohne besondere Geräte und oft ganz nebenbei.

Für Ihre Füße und Ihr Gleichgewicht:

  • Heben Sie einen Stift mit Ihren Zehen vom Boden auf.
  • Versuchen Sie, ein Stück Zeitung mit den Füßen zu zerreißen.
  • Verlagern Sie Ihr Gewicht langsam von den Fersen auf die Fußballen und wieder zurück.
  • Rollen Sie sich bewusst auf die Zehenspitzen hoch und senken Sie die Fersen langsam ab.
  • Stehen Sie auf einem Bein, beispielsweise beim Zähneputzen. Wenn Sie sicher stehen, können Sie es später auch mit geschlossenen Augen ausprobieren – allerdings nur mit einer stabilen Haltemöglichkeit in Reichweite.
  • Gehen Sie gelegentlich barfuß auf unterschiedlichen, sicheren Untergründen und spüren Sie, wie Ihre Füße darauf reagieren.

Zum Verwöhnen und Wahrnehmen:

  • Massieren Sie Ihre Fußsohlen mit einem Igelball oder Ihren Händen. Gönnen Sie sich ein wohlig warmes Fußbad. Bewegen Sie Ihre Zehen bewusst und schenken Sie Ihren Füßen zwischendurch ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit.

Für Ihr Becken:

  • Lassen Sie Ihre Hüften kreisen. Bewegen Sie Ihr Becken sanft vor und zurück oder beschreiben Sie im Stehen eine liegende Acht. Spielen Sie mit den Bewegungen, statt sie perfekt ausführen zu wollen.
  • Und vergessen Sie Ihren Atem nicht! Legen Sie Ihre Hände auf Ihren Unterbauch und atmen Sie einige Male ruhig und tief ein und aus, ohne etwas zu erzwingen. Spüren Sie, wie sich Ihr Bauchraum weitet und wieder entspannt.

Es geht nicht um Leistung. Es geht darum, wieder in Verbindung mit Ihrem Körper zu kommen.

Wer seinen Stand kennt, findet seine Richtung

Wenn wir uns sicher fühlen, unseren eigenen Standpunkt kennen und uns selbst vertrauen, fällt es uns häufig leichter, Entscheidungen zu treffen. Wir müssen uns nicht bei jedem Gegenwind sofort infrage stellen. Wir können zuhören, abwägen, unseren Standpunkt vertreten und trotzdem offen bleiben.
Denn auch hier dürfen wir vom Baum lernen: Seine Stärke liegt nicht darin, dem Wind Widerstand um jeden Preis entgegenzusetzen. Seine Stärke liegt darin, mit ihm umgehen zu können. Und genauso dürfen auch wir flexibel bleiben. Eine einmal getroffene Entscheidung ist schließlich kein Vertrag mit der Ewigkeit. 
Wir dürfen unsere Richtung ändern. Wir dürfen erkennen, dass etwas, das gestern richtig war, heute nicht mehr zu uns passt. Wir dürfen neue Erfahrungen machen, dazulernen und uns neu ausrichten.
Das bedeutet nicht, dass wir keinen festen Standpunkt haben. Im Gegenteil: Wer gut verwurzelt ist, muss nicht an allem starr festhalten, um sich sicher zu fühlen.

Und wie steht es um Ihre Wurzeln?

Vielleicht mögen Sie sich in den nächsten Tagen einmal ganz bewusst Zeit für Ihr Fundament nehmen. 
Schenken Sie Ihren Füßen mehr Aufmerksamkeit. Spüren Sie den Boden unter sich. Lassen Sie Ihre Hüften schwingen, Ihr Becken beweglich werden und Ihren Atem bis tief in den Bauch fließen.
Und beobachten Sie dabei nicht nur Ihren Körper. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie wirklich mit beiden Füßen auf dem Boden stehen? Verändert sich Ihre Haltung? Ihre Atmung? Vielleicht sogar Ihr Gefühl von Sicherheit und innerer Ruhe?
Sie müssen nicht sofort etwas verändern oder erreichen. Beginnen Sie einfach damit, wieder mehr wahrzunehmen. Denn starke Wurzeln entstehen nicht über Nacht. Sie wachsen durch Aufmerksamkeit, Bewegung, Erfahrungen und Vertrauen.

Und vielleicht beginnt die Veränderung, nach der Sie im Außen suchen, genau dort, wo Sie gerade stehen: unter Ihren eigenen Füßen.

In diesem Sinne: Bleiben Sie beweglich, nähren Sie Ihre Wurzeln und vertrauen Sie darauf, dass Sie wachsen dürfen – in Ihrem ganz eigenen Tempo.